Piranhas-Spielbericht: Ein guter Abend für Rostock

Rostock Piranhas vs. Hannover Indians: 3:2

Tore: Dansereau, Mieszkowski, Steinmann

Zuschauer: 920

Der Prolog:

Diese verdammten 30 Zentimeter.

Fast 1.000 Menschen stehen wegen ihnen kurz vor dem Nervenkollaps.

Hannover drückt noch mal, zieht die Schlinge straff. Das Indians-Tor ist leer, aber die Scheibe klebt im Rostocker Drittel. Einmal will sie raushüpfen, die halbe Halle sieht sie draußen, die Schiris zurecht nicht. Diese verdammte blaue Linie – sie erscheint in diesem Moment deutlich breiter als 30 Zentimeter.

Das verwaiste Hannover-Tor könnte in diesem Moment genauso gut auf dem Mount Everest stehen – so unerreichbar ist es.

Und mal nebenbei: Wie unterschiedlich beim Eishockey die Zeit vergeht. Im Powerplay rast sie, und dann, in anderen Szenen, bleibt sie mit einem fetten Flamingoschwimmring in der Wasserrutsche stecken.

Die Rostocker Mannschaft sie wankt in diesem Moment, kurz vor dem Ende – aber sie fällt nicht. Denn irgendwann ist die Scheibe doch draußen, mühsam und aufopferungsvoll ein letztes Mal rausgequält.

Was folgt?

Ein Jubel wie nach einem Weltklasse-Tor. Die Halle explodiert in diesem Moment – schon Sekunden vor der Sirene.

Das Spiel:

Man könnte angesichts dieser Schilderung glauben, es wäre eine Abwehrschlacht gewesen. Ein über die Ziellinie schleppen des Piranhas-Kadavers. Aber das war es bei Weiten nicht.

Wie der Sturm am Donnerstagabend kamen die Rostocker tosend ins Spiel. In den ersten zwei, drei Minuten war die Führung nah – aber Goalie Miserotti-Böttcher zu gut.

Die Piranhas kamen bissig ins Spiel – und sie blieben es. Auch weil die Indians einige Strafen zogen. Eine davon ebnete den Weg zur Piranhas-Führung. Bejmo auf Tousi, der smart Keegan bediente. Und der fand sogleich mit chirurgischer Präzision diese kleine Lücke zwischen Torwart-Körperteil und rotem Gestänge.

Schon in den ersten 20 Minuten deutete sich an, dass es ein spezielles Spiel werden könnte. Es wog hin und her, war körperlich, Chancen auf beiden Seiten, immer war etwas los. Langeweile, ein Puck-hin-und-hergeschiebe? Fehlanzeige.

Im zweiten Drittel schien Morbus-Piranhas wieder zuzuschlagen. Im seit Jahren schwächsten Spielabschnitt der Rostocker glichen die Indians nicht unverdient, aber glücklich aus. Mike Mieszkowski fälschte einen Pass unglücklich ins eigene Tor ab.

Normalerweise wäre das eine Nackenschelle gewesen, von der sich die Rostocker nicht so rasch erholt hätten. Aber es kam anders als erwartet. Die Heimmannschaft drückte nun, erarbeitete sich Chancen und erzielte postwendend die erneute Führung. Bejmo auf Mieszkowski, Tor! Mal wieder hatte sich der Rostocker Top-Torschütze perfekt in Position gebracht.

Angespornt von diesem kleinen Comeback spielten die Piranhas vielleicht die besten drei, vier Minuten der Saison. Druckvoll – und zwar mit allen Reihen. Diesmal hatten es die Indians schwer, sich zu befreien. Einmal, nach feiner Kombination, sahen sie nur noch von ganz weit weg, wie Rostocks Ilja Fleischmann knapp verpasste.

Aber es sind die Hannover Indians. Ein Schwergewicht der Liga. Eines der technisch versiertesten und erfahrensten Teams.

Palka mit einem großartigen Tor – ein donnernder Schlagschuss in den Giebel. Sogar der überragende Albrecht wusste nicht, was und wie ihm geschah.

Hannover kam nun selber in die beste Phase. Zwei Überzahlsituationen, kurz nacheinander.

In ihrem Powerplay flogen die Pässe in Lichtgeschwindigkeit zwischen den Rostockern hin- und her. Ein Geschoss, das seinesgleichen suchte, knallte eine Kerbe in die Latte. Auch sonst: Pass, Schuss, Pass, Schuss. Konnte man nur bangen und staunen.

Aber die Rostocker staunten nicht. Sie blockten Schüsse, schmissen sich zu Boden, opferten sich auf. Es war eine tolle Sequenz in diesem Spiel. Hannover konnte sogar zweimal kurzzeitig sechs Leute auf das Eis bringen, ohne den Torwart rauszunehmen, so zauberhaft war das Powerplay.

Drückend, aber nicht erdrückend.

Bereits in der zweiten Pause sah man in der Halle und davor vor allem eines: glückliche Gesichter. Kampf und spielerisches Potenzial hatten zusammengefunden – und das Publikum schwer mitgenommen. Und zwar im positiven Sinne.

Das letzte Drittel – aus Rostocker Sicht ist es schwer in Worte zu kleiden.

Wer dachte, die Piranhas kommen mit Bammelbeinen zurück aufs Eis, sah sich getäuscht.

Das Team kam – und wie. So gut, dass die lautstarken Indians-Fans ihren Torhüter einige Loblieder sangen. Man könnte auch sagen: Die Piranhas-Stürmer wurden das eine oder andere Mal gealbrecht.

Bis der Kapitän sein Gespür für große Momente zeigte.

Bullygewinn, Scheibe behauptet, sie irgendwie auf Steinmanns Kelle gebracht. Und der zeigte seinen Killerinstinkt. Tor!

Wie auch immer der Puck rein hüpfte, er war drin. Unwiderruflich drin. 3:2. Eine Gönnung für die Piranhas-Seele.

An einem Abend voller Highlights kam noch ein weiteres dazu – obwohl die Piranhas kein Tor mehr erzielten. Es war die Art und Weise des Auftretens. Denn die Raubfische wollten mehr – vergaben jedoch mehrere Chancen auf das 4:2.

Sie versteckten sich nicht. Sie mauerten nicht.

Sie zeigten Kreuz, wollten den Sieg nicht verteidigen, sondern auch in Führung liegend erzwingen. Ein großer Auftritt eines tollen Teams.

Der Spieler des Spiels:

Ilja Fleischmann. Stadionsprecher Ecco formulierte es treffend: Jeder Piranha – ob er fünf Minuten oder 25 Minuten spielte – hätte gestern Abend die Auszeichnung verdient gehabt. Es wurde Ilja, ein Förderlizenzspieler aus der Lausitz.

Auf dem Eis drehte er mehrere Pirouetten. Wie forsch und flink er ins gegnerische Drittel preschte, war beeindruckend. Er führte eine dritte starke Reihe an. Vor allem zeigte er eine Hingabe auf dem Eis, die nicht selbstverständlich ist.

Für Spieler wie Ilja bedeutet ein Einsatz für die Piranhas vor allem, dass es für die Nominierung in der DEL2 nicht ganz gelangt hat. Eigentlich hat Ilja einen anderen Verein, ein anderes Team.

Aber davon war nichts zu sehen, nichts zu spüren. Der Junge spielte, als wäre er hier aufgewachsen, als würde es ihm etwas bedeuten, für unseren REC zu spielen.

So viel Herz und Leidenschaft – wie bei Marlon Braun kürzlich – spricht für sehr viel Charakter. Danke, Ilja. Du hast gestern Fans gewonnen. Auf bald!

Die Stimmung:

Apropos Zuschauer: Das war toll gestern. Immer wieder brandete das »Rostock, Rostock, Rostock« auf. Wenn die Mannschaft den Schall der Fans im Rücken brauchte, waren die ordentlich besetzten Tribünen da. Jeder, der es mit Rostock hielt, wird gestern einen Abend erlebt haben, der sich auch am Montagmorgen richtig gut anfühlt. Ein Spiel wie warmer Kakao an einem klammen Oktobertag.

Leute: Sprecht darüber zu Hause, auf Arbeit, in der Uni. Dann werden wir am nächsten Sonntag die 1.000 knacken. Ganz sicher.

Die Notizen:

Rostock gewann das Duell bei den Schüssen mit 36 zu 32. Beide Teams jagten einige Versuche über oder neben das Tor. Waren die Hannover in Überzahl deutlich ansehnlicher(obwohl wir zwei Tore erzielten), hatten die Piranhas bei 5:5 mehr Power. Ein verdienter Sieg.

Die gesamte Verteidigung (damit auch die Stürmer) holte sich ein Lob von Coach Lenny Soccio ab. Der sagte: »Wir haben Hannover heute sehr wenig hochkarätige Schusspositionen gegönnt. Sie gut aus den gefährlichen Zonen rausgehalten. Das war stark vom gesamten Team.«

Kilian Steinmann, Christian Paul-Mercier und Mathieu Tousignant. Was für eine dynamische zweite Reihe! Die Energie, wenn die Jungs auf dem Eis stürmten, war greifbar. Steinmann dazu mit einem wuchtigen wie fairen Check, der den Gegner fast planierte. Der – kleine Randnotiz – nachdem es keine Strafe für Steinmann gab, zum Glück schnell wieder bei Kräften war.

Insgesamt muss man feststellen: Eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt erscheint spaßiger als das Aufeinandertreffen mit dieser Rostocker Rabauken Reihe.

Der Moment des Spiels:

Die komplette Halle empfing die Hannover Indians mit lautstarkem Applaus. Auch wenn der Anlass ein sehr trauriger war: Danke Fans, dass ihr an diesem Abend so respektvoll die Werte unseres Sports gelebt habt. Danke, dass ihr noch ein mal für Jan Dalgic applaudiert habt.

Liebe Indians: Wir wünschen euch weiterhin viel Kraft, eine starke Saison und mindestens drei weitere heiße Duelle mit uns. Auch dank eurer stimmgewaltigen Fans und eurer krassen Qualität war das gestern Werbung für unseren Sport. Habt eine bissige Woche!

Das Statement von Lenny:

»Wir haben gewonnen, weil wir bis zum Schluss alles gegeben haben. Die Jungs haben sich in jeden Schuss geschmissen, immer gekämpft. Und wir haben trotzdem richtig gutes Hockey gespielt. Die Scheibe selten weggeworfen, sondern fast immer den Mitspieler gesucht. Ich freue mich brutal, dass sich die Jungs gegen einen starken Gegner endlich belohnt haben. Wir wollen hier etwas aufbauen.«

Text: Hannes Hilbrecht

Fotos: Bastian Horn

 

Piranhas-Spielbericht: Ein guter Abend für Rostock

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